Presseberichte

 

die einen, die anderen

»wir sind viele. …es beginnt mit einer seltsamen doppelung: leonardo d’aquino betritt in heller sommerlicher kleidung die bühne, er scheint auf unheimliche weise verknüpft mit einer zwergenhaft anmutenden kreatur, die unter einem pelzmantel verborgen ist. auch die tänzerinnen in ihren transparenten kleidchen sind bezogen auf ein dunkles gegenbild. das sichtbare und unsichtbare, das schöne und das groteske gehen in dem neuen tanzstück von toula limnaios eine innige verbindung ein. …
wenn die berliner tanzen, sind die brasilianer nur im video zu sehen, und vice versa. zueinander finden sie nur in den tollen videos von giacomo corvaia, die imaginäre räume öffnen. doch die beiden teile des stücks sind durch spiegelungen und korrespondenzen miteinander verklammert. toula limnaios lässt die brasilianer dieselben themen und bilder behandeln, auch wenn das bewegungsmaterial sich unterscheidet. es ist eine künstlerische begegnung auf augenhöhe, das macht den abend so beglückend. … brasilien-klischees umschifft auch der komponist ralph r. ollertz, dessen rhythmische musik die tänzer antreibt. …
wenn die brasilianer die bühne betreten, wird das stück grotesker, aber auch zärtlicher. … (sie) begeistern durch ihre ausdruckskraft und ihre tanzwut. die behinderten performer gehen schon mal bis an ihre grenzen, doch der tanz wird nie zur freakshow. … am ende gab es standing ovations für toula limnaios und die tänzer. «
tagesspiegel, kultur, sandra luzina, 03.06.2017.

»stehende ovationen für die vierzehn tänzerinnen und tänzer aus berlin und natal/brasilien mit dem inszenierungsteam um choreografin toula limnaios, die sich in ihrer ersten gemeinsamen produktion mit einem aufsehenerregenden tänzerischen diskurs über reale und utopische körperbilder beidseits des atlantiks als universell präsentieren…«
karin schmidt feister auf tanznetz.de

Jubiläum 20 Jahre cie. toula limnaios

»Was bleibt in Erinnerung? Bei der Heimfahrt in entrückter Stimmung nach einer Premiere, in den Tagen danach, in aufblitzendem Nacherleben, noch immer wie eingewoben in einen Kokon aus Bildern, Empfindungen, Gedanken. Eigentlich müsste man sich nach einer Premiere von Toula Limnaios ein, zwei Tage frei nehmen, nichts tun, nur nachspüren, sich erinnern. An den weißen Schleier, der in ‹anderland› (2012) in der Luft schwebt, fliegt und flattert. Eine Fee, ein Engel? Eine Spur des Immateriellen, vielleicht Erhofften oder doch nur ein Stück Stoff, zum Schweben gebracht von einer Tänzerin mit Ventilator? Erinnern an die Torflandschaft in ›minute papillon‹ (2015), Ort erschöpfender Rastlosigkeit und Maßlosigkeit im Aktionismus wie im Sehnen nach Innehalten und Gewahrwerden des Augenblicks und des Selbst. Oder an die Tonnen fruchtbarer satter Erde, den Lebensacker, den die Tänzer*innen in ›every single day‹ (2011) in gleichnishafter Sisyphos-Arbeit unermüdlich umwühlen. Raum- und Szenenbilder, an die Erinnerung sich anhaftet, um sich dem Anderen zu nähern, dem Tanz, der zu sich selbst gefunden hat.

Jubiläum. 20 Jahre Cie. toula limnaios. Was wird gefeiert? Sicherlich die beglückende Tatsache, dass Toula Limnaios und Ralf R. Ollertz und ihre Mitarbeiter*innen und die Tänzer*innen in den verschiedenen Besetzungen es geschafft haben, dass sie den mitunter sehr widrigen Umständen, den Finanz- und Förder-Nöten Berlins getrotzt, dass sie – erstaunlich genug – mit der HALLE eine eigene Spielstätte erfunden, aufgebaut, mit Leben erfüllt haben und nun in eine Neustart-Zeit führen können. Daten. Fakten. Glückwunsch. Feiern und Danken. Dank für das Beharren, die unentwegte Suche, die unerschöpfliche Neugier. Dank für diese Tanzkunst.

Nehmen wir an, dass es möglich ist, sinnvoll, also zutreffend und nachvollziehbar über Tanz zu sprechen und zu schreiben. Dann müsste zuerst gesagt werden, dass das Schreiben über das Tanz-Universum von Toula Limnaios eine Herausforderung ist, ebenso beängstigend wie beglückend. Denn immer fehlt das richtige Wort, entzieht sich ihr Tanz dem Be-Schreiben. Es ist so viel zu sehen, zu empfinden, zu verstehen, zu erinnern.
Die Welt als Ganzes und unsere jeweilige kleine irdische Existenz mit all ihren Wunderlichkeiten, Rätselhaftigkeiten, Einbildungen, Hoffnungen und Ängsten, all unsere Herkünfte, Widersprüche, wechselnden Lebens-Verständnisse und –Erkenntnisse, all unser Vermögen, zumeist eher Unvermögen zu Liebe, Vertrauen, Verständnis, all die vielen Ichs und die vielen Fremden innerhalb und außerhalb von uns, all das ist in ihren Choreographien, all das leuchtet in den Erkenntnismomenten beim Zusehen auf, wird verstanden und erahnt. Und entfaltet sofort oder im Nachklang der Erinnerung seine Wirkungen. Aber kann man sie in Worte bannen? All die Szenen, die das Eine und das Alle enthalten. Die irrlichternden Soli und Duette in „Short Stories“ (2005), in denen sich die Mysterien unserer Existenz in Augenblicken offenbaren. Die Seelenräume, die zerbrechlich und vergänglich, wie in Ausnahme-Übergangsstadien der Offenheit für alles in ›the silencers‹ (2008) aufscheinen. Die Feier der Existenz von Licht und Schatten, die in den Reigentänzen in ›If I was real‹ (2013) in zunehmend lustvoller Leichtigkeit und Sinnlichkeit wahrhaftig die komplexen Landschaften unserer Beziehungen zu uns Selbst und Anderen enthüllt.

Metaphorisch, allegorisch, assoziativ ist die Bewegungssprache, die zart und durchscheinend rissig wirkt und doch so widerständig ist. Das ist idyllische Innigkeit im Bewusstsein ihrer Vergänglichkeit. Ungestüme Leidenschaft, scheinbar kaum kontrollierbar, im Bewusstsein von Stillstand, Stockung und Blockade. Irreal Träumerisches, phantasmagorische Parabel, enigmatische Poesie im Bewusstsein eines skeptischen Existenzialismus. Ein Durchdringen unserer Existenzen, ein Vorstoßen zu ihren Wesenskernen. Und Utopie, da doch der Tanz allen Ernstes behauptet, dass Zustände von Freiheit, Offenheit und Durchlässigkeit, von fließender Individualität, von Empfangen und Geben ohne Einschränkung und Trennung durch Herkunft, Erfahrung oder gar Hierarchie möglich sind. Insofern öffnen und zeigen sich im Tanz von Toula Limnaios Möglichkeitsräume, von denen man nicht mehr zu träumen gewagt hätte.
Tragisch, komisch, lustvoll, lebenssatt, freudvolle Spaziergänge am Abgrund, melancholisch und verschmitzt lächelnd die Risiken und die Banalität und Härte der Welt widerständig annehmen – mit dieser Form des getanzten Welt-Theaters ist Toula Limnaios ohne Gleichen.

Aufblitzende Erinnerung. An den Tänzer in ›Spuren‹ (2004), der ein elastisches Seil um den Leib nach vorn und nach vorn läuft, als würde er in seine Zukunft stürzen wollen. Das Seil reißt ihn immer wieder zurück, von seiner Vergangenheit kann er sich nicht lösen. Warum sollte er auch?
Jubiläum. 20 Jahre Cie. toula limnaios. Was für ein Glück.«

Frank Schmid (Freier Journalist)

Am Puls des Tanzes

»Sie ist zwar klein, aber nicht weniger tough. Die charismatische und leidenschaftliche, griechische Choreographin Toula Limnaios nähert sich ihrer Kunst mit Bescheidenheit, um sie gleich darauf mit ebenso großer Überzeugung wieder durcheinander zu werfen. Seit 20 Jahren untersucht die tanzende Leiterin gemeinsam mit dem Komponisten Ralf R. Ollertz die menschlichen Gemütszustände zwischen Trauer und Freude, Angst und Genuss.

Es ist durchaus wortwörtlich zu nehmen, wenn Toula Limnaios direkt an den Körpern ihrer in der Halle Tanzbühne ansässigen Compagnie arbeitet. So, als wolle sie ihren eigenen Tanz kneten – einen Tanz, dessen Ausgangspunkt die Verbindung zum Boden ist. Die Kraft ihrer Tänzer steckt in deren Füßen und Beinen, die dem Oberkörper zu seinem freien, wilden Ausdruck verhelfen. Diese körperliche Energie ruft eine ganz spezifische Sensibilität hervor, welche die Bewegung als ständig fortlaufend und fließend erscheinen lässt, sogar im Stillstand: physische Verrenkung, Überempfindlichkeit – die Gesten sind da, um von Außen eine Innenansicht der Gefühle sichtbar zu machen. Es ist eine Art Lebenspuls, die jeden der Protagonisten unter kontrollierter Spannung in Bewegung versetzt. Die Körper, die ihrerseits gegen die weltliche Versuchungen antreten, verschmelzen zunächst scheinbar miteinander, um kurz darauf wieder auseinander zu stoßen und woanders neue Verbindungen zu knüpfen…
Toula Limnaios geht es um ein mühevolles Bestreben und um Haltung, ohne dabei jemals ein Detail auszulassen. Ihre Stücke offenbaren sich dabei oft als wahrhaftig packende Szenarien: Körper verflechten und entblößen sich in life is perfect und verbinden sich erneut in einem menschlichen Gewimmel; in minute papillon erobern die Tänzer den Raum, lassen sich vom ständigen Fluss der Bewegung treiben, fortziehen und aufbrauchen. Ebenso sucht die Choreographin in la salle nach dem „Gefühl, dass Individuen immer irgendwo oder in irgendetwas involviert sind und beeinflussen oder beeinflusst werden, was wiederum eine fortlaufende Bewegung von allem und jeden hervorruft.“ Ein stilistischer Ansatz mit Folgen: Oftmals verschmelzen die Grenzen zwischen Tänzer und Publikum und füllen die uns umgebende Luft im Saal mit vielen Stimmen und Sprachen.
Ein Element jedoch ist wort- oder bewegungsgebend in Toula Limnaios Kreationen: die Dissonanzen und Missklänge unserer Welt. Sie lässt ihren Tanz oszillieren, wie in anderland, zwischen dem Schönen, dem Fremden und dem Grausamen: Jede Emotion leistet ihren Beitrag. „Es gibt keine Liebe zum Leben ohne Verzweiflung zum Leben“, schreibt Albert Camus. Dem Autor entsprechend, möchte auch die Choreographin das leben, was sie sagt. So bringt sie in wut, every single day und in the thing I am die Empfindsamkeit und Tiefe der menschlichen Gefühle zu Tage. Auf gleichfalls athletische und agile Weise brechen die Tänzer fortwährend aus, heben und werfen sich und finden in der Horizontalen doch wieder zueinander.
Toula Limnaios verbindet und zerstreut diese horizontalen Linien immer wieder, de- und rekonstruiert die Körper und füllt sie lustvoll mit Energie an. Eine Choreographin mit magischen Fähigkeiten, die den Tanz in eine dynamische Kunst verwandelt, in vitale Improvisation, in reizüberflutende Bildwelten. Was sich vor unseren Augen und Sinnen auf der Bühne auftut, ist geheimnisvoll, andersartig und fantastisch.«

Léa Chalmont-Faedo (Redakteurin/Journalistin/Übersetzung Florence Freitag)