Presseberichte

 

oh, ewige wiederkehr!

die cie.toula limnaios glänzt mit versöhnlicher leichtigkeit. in „momentum“ begegnet sie erstarrten alltagsroutinen und materieller übersättigung mit schwarzem humor, slapstick und akrobatik-einlagen. weniger intensiv als sonst geht es dabei trotzdem nicht zu.
ungewöhnlich hell und aufgeräumt erscheint das bühnendekor in der aufführungshalle der cie. toula limnaios an diesem abend. keine erdhaufen, kein laub, keine nebelschwaden und auch keine stricke — stattdessen: weiße seidenvolants, die von der decke herabhängen, ein heller designer-esstisch, ein weißer kühlschrank mit glastür und ein bärenfell-teppich. doch die makellose minimalstkulisse weist bei genauerem hinschauen ungereimtheiten auf: aus dem bärenfell-teppich, der eigentlich ein pelzmantel ist, ragen die hände und füße einer frau und in der klaustrophobischen enge der frischhalte-vitrine aalt sich — wie ein weiteres ausstellungsstück eines exquisiten möbel-showrooms — ein wohl geformter weiblicher alabasterkörper.
konzipiert wie ein kammerspiel erzählt toula limnaios mit „momentum“ keine „zusammenhängende geschichte, sondern eine reihe von episoden“. im mittelpunkt ihres zwischen traum und wirklichkeit schwebenden choreografischen beziehungs-mosaiks für acht tänzer*innen steht ein gut situierter, aber resignierter mann, der von der routine seines luxuriösen lebens ausreichend gesättigt ist (— das spiegelt auch die sparsame und wie durch ein leeres haus hallende piano-musik von ralf r. ollertz ganz wunderbar wieder). besagte routine findet ihren ausdruck unter anderem in einem hausmädchen, welches dem einsamen speisenden regelmäßig seine mahlzeiten serviert — eine tragisch-komische person: eine perfektionierte hoffmann’sche automatin, wenn man so will, die butler-gebaren à la „dinner for one“ auffährt. in einer präzise durchchoreografierten slapstick-nummer etwa füttert sie ihrem chef rechts und links die möhren um die ohren, ohne dabei die eigene in schwarze uniform und weiße schürze gebannte contenance sowie ihr überspitztes höflichkeitslächeln zu verlieren.

der hausherr wirkt distanziert bis beobachtend gegenüber dem disparaten geschehen, zuweilen auch ein wenig süffisant, schlimmstenfalls gelangweilt. überhaupt sind es vielmehr die anderen sieben figuren dieses neu-aristokratischen kammerspiels, die in guter alter limnaios-manier (— stellvertretend für den hausherrn und sein innenleben —) intensivste seelenschau betreiben. neben dem hausmädchen, der bärenfell-lady und dem sexy alabaster-girl stecken auch ein rollschuhfahrer, eine potentielle (selbst)-mörderin und zwei liebhaber in der krise. im kampf gegen sich selbst und die anderen reiben sie sich auf an der sehnsucht nach mehr freiheit, leidenschaft und intensität. das alles tun sie mit dem unbedingten willen den erstarrten alltagsroutinen, in denen sie gefangen sind, zu entkommen.
es sind bilder voller macht und ohnmacht, die limnaios hier nebeneinanderstellt: der rollschuhfahrer packt einen der liebhaber an der krawatte, liefert sich mit ihm ein rasant-akrobatisches duell mit ungleichen mitteln. die potentielle (selbst-)mörderin, die zuvor in einem parallel-solo eine imaginäre tatwaffe schwang, tritt zusammen mit dem zweiten liebhaber auf die bühne. jeweils von einem fischernetz umhüllt, schaffen sie es nicht über ihre eigenen schatten zu springen und bleiben getrennt. die bärenfell-lady schleicht wie eine spionin mit betont „unauffälligem“ verhalten über die bühne und symbolisiert dabei noch am besten, woran es hier allen zu mangeln scheint: am gefühl noch zu existieren, und zwar als sie selbst. die absurdität der täglichen maskerade und selbst-verstellung hängt allen acht leibhaftig zum halse heraus. das karikiert auch eine der abschlussszenen des ensembles aufs groteskeste, in der die tänzer*innen ihre körper wie (lautlose) instrumente bearbeiten und sie dabei gehörig verstimmen.

wäre „momentum“ ein familienporträt aus gutem hause, dann hätte seine patina längst ein paar mächtige risse … am ende der gut einstündigen aufführung steht der esstisch allein auf der bühne. der rollschuhfahrer deckt ihn dieses mal und lässt dabei im fahrtwind sanft die seidenvolants wehen. ein paar takte später nimmt der hausherr hier gepflegt ein glas wein zu sich: routinen können zu alpträumen mutieren, wenn man darin erstarrt. lebenskunst aber ist, der ewigen wiederkehr des immergleichen stets auf neue mit lust und leichtigkeit zu begegnen. da reicht es manchmal auch schon, nur ein teil im unendlichkeitspuzzle auszutauschen.
von christine matschke, 11.12.2017

momentum

turbulente traumsequenzen
in »momentum« von toula limnaios liefern sich brillante tänzer fulminante scharmützel

»die choreographin toula limnaios hält in ihrem neuen stück wort. denn »momentum« verspricht eine reihung von episoden ohne innere bindung, eben momente aus einem wirklichen oder erdachten leben. als rahmen kann eine speisesituation gelten. in der mitte zwischen weißen schals von raumhöhe thront ein heller tisch, an dem aber nicht gegessen wird, noch nicht. denn den einsamen mann lenkt hinten eine art entkernter gefrierschrank ab, in dem sich nicht etwa essbares türmt, sondern in klaustrophobischer enge eine fast nackte blondine räkelt. als der mann die tür öffnet, fällt sie ihm entgegen. das mahl könnte beginnen: eine frau serviert ihm eine orange, stößt per fuß die hand einer liegenden gestalt weg – wie freddie frinton in »dinner for one« das löwenfell. doch statt die orange zu verzehren, knetet der einsame die biegsame blonde auf dem tisch.

dann belebt sich die szene. silhouetten hinter schals werden zu menschen, fast alle männer tragen schlips, manche frauen abendkleider, einer bewegt sich das ganze stück über elegant auf rollschuhen. zwischen den jeweils vier frauen und männern entwickeln sich im verlauf der nächsten 60 minuten die verschiedensten beziehungen, ohne inhaltlichen zusammenhang, doch fast immer verblüffend. wenn schwungreich der tisch umplatziert wird, erscheint dieser als neunter tänzer. oft fügen sich parallele bilder wie steinchen zu einem puzzle, das jeder für sich enträtseln muss. so kann man sich ohne schaden seine lieblingsszenen aussuchen, sich an ihnen delektieren. wenn etwa die serviererin und der rollschuhläufer eng tanzen, sie im kopfstand auf seinen füßen, mutet das skurril an. zwei frauen sind in hebungen verklammert, einer anderen frau kommt ihr partner abhanden, dem esser winkt endlich ein mahl. sechs dienstbare geister bringen jedoch nur leere teller, mit denen sie jonglieren, als seien sie zuvor im chinesischen zirkus gewesen.
viel abstrakte gestik setzt toula limnaios ein, die mehrdeutig entschlüsselt werden kann. sie durchwebt das stück auch mit witz, slapstick, stummfilmgroteske. so beispielsweise, als dem mann doch noch etwas serviert wird, er aber kaum zum speisen kommt, weil die serviererin ihn füttert und ihm die serviette um die ohren haut.

was den abend besonders in der zweiten hälfte so faszinierend macht, sind ungemein gut erfundene duette. die blonde bleibt zunächst passives opfer; zwei männer brillieren in einem streit voller umheber, rutscher und bodenroller trotz tellern in den händen. in einem stoffgespinst wird ein paar hereingeführt; nur er vermag sich zu befreien, tanzt zunächst wie gefesselt, dann präzis in einem körperplastischen solo. ehe es zum choreografischen höhepunkt kommt, stülpt sich eine tänzerin eine perücke vors gesicht: toula limnaios zelebriert ihre lieblingsmetapher. was sich dann der rollschuhläufer und sein partner an fulminanten schleuderscharmützeln mit halt am schlips liefern, fliegend wie im eiskunstlauf, strangulierend im kampf um dominanz, ist atemberaubend akrobatisch und ebenso riskant wie danach die gewaltorgie zwischen dem rollerblader und der blonden, die sich hier an den männern für erduldete pein zu rächen scheint. am ende der choreografischen melange mit reicher deutungsfreiheit sitzt einsam der mann des anfangs am tisch und löffelt hektisch sein süppchen, befreit von all den plagegeistern: seines alltags oder seines alptraums? mit hohem klavieranteil in multiplen überlagerungen trägt die musik von ralf r. ollertz die traumsequenzen bestens.« von volkmar draeger 09.12.2017 neues deutschland

die einen, die anderen

»wir sind viele. …es beginnt mit einer seltsamen doppelung: leonardo d’aquino betritt in heller sommerlicher kleidung die bühne, er scheint auf unheimliche weise verknüpft mit einer zwergenhaft anmutenden kreatur, die unter einem pelzmantel verborgen ist. auch die tänzerinnen in ihren transparenten kleidchen sind bezogen auf ein dunkles gegenbild. das sichtbare und unsichtbare, das schöne und das groteske gehen in dem neuen tanzstück von toula limnaios eine innige verbindung ein. …
wenn die berliner tanzen, sind die brasilianer nur im video zu sehen, und vice versa. zueinander finden sie nur in den tollen videos von giacomo corvaia, die imaginäre räume öffnen. doch die beiden teile des stücks sind durch spiegelungen und korrespondenzen miteinander verklammert. toula limnaios lässt die brasilianer dieselben themen und bilder behandeln, auch wenn das bewegungsmaterial sich unterscheidet. es ist eine künstlerische begegnung auf augenhöhe, das macht den abend so beglückend. … brasilien-klischees umschifft auch der komponist ralph r. ollertz, dessen rhythmische musik die tänzer antreibt. …
wenn die brasilianer die bühne betreten, wird das stück grotesker, aber auch zärtlicher. … (sie) begeistern durch ihre ausdruckskraft und ihre tanzwut. die behinderten performer gehen schon mal bis an ihre grenzen, doch der tanz wird nie zur freakshow. … am ende gab es standing ovations für toula limnaios und die tänzer.«
tagesspiegel, kultur, sandra luzina, 03.06.2017.

»stehende ovationen für die vierzehn tänzerinnen und tänzer aus berlin und natal/brasilien mit dem inszenierungsteam um choreografin toula limnaios, die sich in ihrer ersten gemeinsamen produktion mit einem aufsehenerregenden tänzerischen diskurs über reale und utopische körperbilder beidseits des atlantiks als universell präsentieren…«
karin schmidt feister auf tanznetz.de

Jubiläum 20 Jahre cie. toula limnaios

»Was bleibt in Erinnerung? Bei der Heimfahrt in entrückter Stimmung nach einer Premiere, in den Tagen danach, in aufblitzendem Nacherleben, noch immer wie eingewoben in einen Kokon aus Bildern, Empfindungen, Gedanken. Eigentlich müsste man sich nach einer Premiere von Toula Limnaios ein, zwei Tage frei nehmen, nichts tun, nur nachspüren, sich erinnern. An den weißen Schleier, der in ‹anderland› (2012) in der Luft schwebt, fliegt und flattert. Eine Fee, ein Engel? Eine Spur des Immateriellen, vielleicht Erhofften oder doch nur ein Stück Stoff, zum Schweben gebracht von einer Tänzerin mit Ventilator? Erinnern an die Torflandschaft in ›minute papillon‹ (2015), Ort erschöpfender Rastlosigkeit und Maßlosigkeit im Aktionismus wie im Sehnen nach Innehalten und Gewahrwerden des Augenblicks und des Selbst. Oder an die Tonnen fruchtbarer satter Erde, den Lebensacker, den die Tänzer*innen in ›every single day‹ (2011) in gleichnishafter Sisyphos-Arbeit unermüdlich umwühlen. Raum- und Szenenbilder, an die Erinnerung sich anhaftet, um sich dem Anderen zu nähern, dem Tanz, der zu sich selbst gefunden hat.

Jubiläum. 20 Jahre Cie. toula limnaios. Was wird gefeiert? Sicherlich die beglückende Tatsache, dass Toula Limnaios und Ralf R. Ollertz und ihre Mitarbeiter*innen und die Tänzer*innen in den verschiedenen Besetzungen es geschafft haben, dass sie den mitunter sehr widrigen Umständen, den Finanz- und Förder-Nöten Berlins getrotzt, dass sie – erstaunlich genug – mit der HALLE eine eigene Spielstätte erfunden, aufgebaut, mit Leben erfüllt haben und nun in eine Neustart-Zeit führen können. Daten. Fakten. Glückwunsch. Feiern und Danken. Dank für das Beharren, die unentwegte Suche, die unerschöpfliche Neugier. Dank für diese Tanzkunst.

Nehmen wir an, dass es möglich ist, sinnvoll, also zutreffend und nachvollziehbar über Tanz zu sprechen und zu schreiben. Dann müsste zuerst gesagt werden, dass das Schreiben über das Tanz-Universum von Toula Limnaios eine Herausforderung ist, ebenso beängstigend wie beglückend. Denn immer fehlt das richtige Wort, entzieht sich ihr Tanz dem Be-Schreiben. Es ist so viel zu sehen, zu empfinden, zu verstehen, zu erinnern.
Die Welt als Ganzes und unsere jeweilige kleine irdische Existenz mit all ihren Wunderlichkeiten, Rätselhaftigkeiten, Einbildungen, Hoffnungen und Ängsten, all unsere Herkünfte, Widersprüche, wechselnden Lebens-Verständnisse und –Erkenntnisse, all unser Vermögen, zumeist eher Unvermögen zu Liebe, Vertrauen, Verständnis, all die vielen Ichs und die vielen Fremden innerhalb und außerhalb von uns, all das ist in ihren Choreographien, all das leuchtet in den Erkenntnismomenten beim Zusehen auf, wird verstanden und erahnt. Und entfaltet sofort oder im Nachklang der Erinnerung seine Wirkungen. Aber kann man sie in Worte bannen? All die Szenen, die das Eine und das Alle enthalten. Die irrlichternden Soli und Duette in „Short Stories“ (2005), in denen sich die Mysterien unserer Existenz in Augenblicken offenbaren. Die Seelenräume, die zerbrechlich und vergänglich, wie in Ausnahme-Übergangsstadien der Offenheit für alles in ›the silencers‹ (2008) aufscheinen. Die Feier der Existenz von Licht und Schatten, die in den Reigentänzen in ›If I was real‹ (2013) in zunehmend lustvoller Leichtigkeit und Sinnlichkeit wahrhaftig die komplexen Landschaften unserer Beziehungen zu uns Selbst und Anderen enthüllt.

Metaphorisch, allegorisch, assoziativ ist die Bewegungssprache, die zart und durchscheinend rissig wirkt und doch so widerständig ist. Das ist idyllische Innigkeit im Bewusstsein ihrer Vergänglichkeit. Ungestüme Leidenschaft, scheinbar kaum kontrollierbar, im Bewusstsein von Stillstand, Stockung und Blockade. Irreal Träumerisches, phantasmagorische Parabel, enigmatische Poesie im Bewusstsein eines skeptischen Existenzialismus. Ein Durchdringen unserer Existenzen, ein Vorstoßen zu ihren Wesenskernen. Und Utopie, da doch der Tanz allen Ernstes behauptet, dass Zustände von Freiheit, Offenheit und Durchlässigkeit, von fließender Individualität, von Empfangen und Geben ohne Einschränkung und Trennung durch Herkunft, Erfahrung oder gar Hierarchie möglich sind. Insofern öffnen und zeigen sich im Tanz von Toula Limnaios Möglichkeitsräume, von denen man nicht mehr zu träumen gewagt hätte.
Tragisch, komisch, lustvoll, lebenssatt, freudvolle Spaziergänge am Abgrund, melancholisch und verschmitzt lächelnd die Risiken und die Banalität und Härte der Welt widerständig annehmen – mit dieser Form des getanzten Welt-Theaters ist Toula Limnaios ohne Gleichen.

Aufblitzende Erinnerung. An den Tänzer in ›Spuren‹ (2004), der ein elastisches Seil um den Leib nach vorn und nach vorn läuft, als würde er in seine Zukunft stürzen wollen. Das Seil reißt ihn immer wieder zurück, von seiner Vergangenheit kann er sich nicht lösen. Warum sollte er auch?
Jubiläum. 20 Jahre Cie. toula limnaios. Was für ein Glück.«

Frank Schmid (Freier Journalist)

Am Puls des Tanzes

»Sie ist zwar klein, aber nicht weniger tough. Die charismatische und leidenschaftliche, griechische Choreographin Toula Limnaios nähert sich ihrer Kunst mit Bescheidenheit, um sie gleich darauf mit ebenso großer Überzeugung wieder durcheinander zu werfen. Seit 20 Jahren untersucht die tanzende Leiterin gemeinsam mit dem Komponisten Ralf R. Ollertz die menschlichen Gemütszustände zwischen Trauer und Freude, Angst und Genuss.

Es ist durchaus wortwörtlich zu nehmen, wenn Toula Limnaios direkt an den Körpern ihrer in der Halle Tanzbühne ansässigen Compagnie arbeitet. So, als wolle sie ihren eigenen Tanz kneten – einen Tanz, dessen Ausgangspunkt die Verbindung zum Boden ist. Die Kraft ihrer Tänzer steckt in deren Füßen und Beinen, die dem Oberkörper zu seinem freien, wilden Ausdruck verhelfen. Diese körperliche Energie ruft eine ganz spezifische Sensibilität hervor, welche die Bewegung als ständig fortlaufend und fließend erscheinen lässt, sogar im Stillstand: physische Verrenkung, Überempfindlichkeit – die Gesten sind da, um von Außen eine Innenansicht der Gefühle sichtbar zu machen. Es ist eine Art Lebenspuls, die jeden der Protagonisten unter kontrollierter Spannung in Bewegung versetzt. Die Körper, die ihrerseits gegen die weltliche Versuchungen antreten, verschmelzen zunächst scheinbar miteinander, um kurz darauf wieder auseinander zu stoßen und woanders neue Verbindungen zu knüpfen…
Toula Limnaios geht es um ein mühevolles Bestreben und um Haltung, ohne dabei jemals ein Detail auszulassen. Ihre Stücke offenbaren sich dabei oft als wahrhaftig packende Szenarien: Körper verflechten und entblößen sich in life is perfect und verbinden sich erneut in einem menschlichen Gewimmel; in minute papillon erobern die Tänzer den Raum, lassen sich vom ständigen Fluss der Bewegung treiben, fortziehen und aufbrauchen. Ebenso sucht die Choreographin in la salle nach dem „Gefühl, dass Individuen immer irgendwo oder in irgendetwas involviert sind und beeinflussen oder beeinflusst werden, was wiederum eine fortlaufende Bewegung von allem und jeden hervorruft.“ Ein stilistischer Ansatz mit Folgen: Oftmals verschmelzen die Grenzen zwischen Tänzer und Publikum und füllen die uns umgebende Luft im Saal mit vielen Stimmen und Sprachen.
Ein Element jedoch ist wort- oder bewegungsgebend in Toula Limnaios Kreationen: die Dissonanzen und Missklänge unserer Welt. Sie lässt ihren Tanz oszillieren, wie in anderland, zwischen dem Schönen, dem Fremden und dem Grausamen: Jede Emotion leistet ihren Beitrag. „Es gibt keine Liebe zum Leben ohne Verzweiflung zum Leben“, schreibt Albert Camus. Dem Autor entsprechend, möchte auch die Choreographin das leben, was sie sagt. So bringt sie in wut, every single day und in the thing I am die Empfindsamkeit und Tiefe der menschlichen Gefühle zu Tage. Auf gleichfalls athletische und agile Weise brechen die Tänzer fortwährend aus, heben und werfen sich und finden in der Horizontalen doch wieder zueinander.
Toula Limnaios verbindet und zerstreut diese horizontalen Linien immer wieder, de- und rekonstruiert die Körper und füllt sie lustvoll mit Energie an. Eine Choreographin mit magischen Fähigkeiten, die den Tanz in eine dynamische Kunst verwandelt, in vitale Improvisation, in reizüberflutende Bildwelten. Was sich vor unseren Augen und Sinnen auf der Bühne auftut, ist geheimnisvoll, andersartig und fantastisch.«

Léa Chalmont-Faedo (Redakteurin/Journalistin/Übersetzung Florence Freitag)